Kommentar

Sozialverantwortliches Handeln im Fokus

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Interview mit Barbara A. Heller, Managing Partner und Präsidentin des Verwaltungsrats SWIPRA Services AG.

Frau Heller, Sie beraten Unternehmen in Governance-Fragen. Was ist Ihr Eindruck betreffend Corporate Social Responsibility (CSR)?

Wir beobachten, dass Unternehmen generell gesprochen bereits viel im Bereich des sozialverantwortlichen Handelns machen. Von der Öffentlichkeit und den Anlegern wird das jedoch nicht ausreichend wahrgenommen. Unter anderem deshalb, weil diese Aktivitäten von aussen oft wenig sichtbar sind oder schwer vermittelt werden können. In der Regel existiert zwar ein Code of Conduct oder ein aufwändig gestalteter CSR-Bericht. Wichtiger wären aber klare Informationen und Transparenz darüber, wie CSR-Aspekte z. B. in das unternehmenseigene Anreizsystem integriert werden oder welche Rolle sie bei der Erarbeitung und Umsetzung der Strategie spielen. Häufig fehlt eine integrierte Betrachtungsweise, d. h. die konsequente Verknüpfung mit der Unternehmensstruktur und dem Kerngeschäft. Dazu reicht ein jährlicher Nachhaltigkeitsbericht in der heute üblichen Form nicht. CSR ist keine philanthropische Zusatztätigkeit – das nicht ausgeschlossen – sondern sollte ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie sein. Mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt, z. B. für die Zusammensetzung des Verwaltungsrats.

Warum begegnet man heute dem Begriff CSR häufiger?

Der Druck auf Unternehmen, die Auswirkungen ihrer Tätigkeit auf Gesellschaft und Umwelt transparent aufzuzeigen, ist zweifelsohne gestiegen. Dies auch wegen der verbreiteten Vorstellung, dass Unternehmen in weniger entwickelten Ländern die einheimischen Ressourcen und Arbeitskräfte ausbeuten. Als Lösung werden mehr Verbote und Regulierungen gefordert, auch hierzulande. Diese Betrachtungsweise greift aber viel zu kurz und führt zu unerwünschten Effekten vor Ort und einseitigen Vorgaben – z. B. fixe Reduktionsraten von CO2-Emissionen oder die Forderung nach einer noch höheren Verantwortlichkeit der Führungsgremien. Langfristig effektiver wäre eine ganzheitliche Betrachtung der Auswirkungen sowie Lösungen, welche der Komplexität der Prozesse angepasst sind. Dabei können aktive und engagierte Investoren gemeinsam mit den Unternehmen einen konstruktiven Beitrag leisten.

Ist das etwas Neues?

Das Thema CSR, bzw. sozialverantwortliches Handeln von Unternehmen, ist nicht neu. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt zu kennen und diese Kenntnis in das unternehmerische Handeln einzubeziehen, sind zentrale Bestandteile einer guten Unternehmensführung. Ein Unternehmen, das gute Governance-Strukturen hat, sinnvolle Anreize – insbesondere auch nicht-finanzieller Art – setzt und seine Risiken minimiert, ist langfristig erfolgreicher. Auch aus rein ökonomischer Sicht ist verantwortliches Handeln gewinnbringend. Das ist keine neue Erkenntnis. Die Frage stellt sich, was gemessen wird und wie man die Kriterien dafür definiert. Dabei muss berücksichtigt werden, dass für individuelle Geschäftsmodelle unterschiedliche Anforderungen relevant sind und unterschiedliche Auswirkungen resultieren. In einem zweiten Schritt ist es entscheidend, wie Aktivitäten und Zielerreichungen offengelegt und ausgewiesen werden. Hier sehe ich grosses Potenzial.

Warum ist die Definition der Kriterien so wichtig?

Unternehmen haben individuelle Geschäftsmodelle. Die Vergleichbarkeit gestaltet sich oft schwierig. Hinzu kommt, dass CSR-Kriterien meistens qualitativ und deshalb schwer messbar und entsprechend komplex in der Offenlegung sind. So setzt z. B. ein CO2-Ziel zwar ein positives Signal, ist jedoch nur bedingt aussagekräftig. Für unterschiedliche Unternehmen hat ein solches Ziel eine ganz unterschiedliche Bedeutung. Gefragt sind durchdachte, auf verschiedene Geschäftsmodelle zugeschnittene Kriterien zu Chancen und Risiken im Bereich der CSR und eine entsprechend ganzheitliche Betrachtung deren Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit.

Was haben Ihre Marktanalysen und Ihre Umfrage bei Investoren und Unternehmen ergeben?

Rund ein Drittel der Institutionellen Anleger orten bei den CSR-Tätigkeiten von Schweizer Unternehmen klares Verbesserungspotenzial. Eine Minderheit ist tatsächlich zufrieden in diesem Bereich. Insbesondere geht es auch um die Aussagekraft der Offenlegung und die Verankerung in der Strategie und in Anreizsystemen. Dieses Resultat ist geprägt von angelsächsischen Investoren, die aktives Engagement im Rahmen ihrer Anlageprozesse betreiben und in der Regel ihre Stimmrechte an den Generalversammlungen wahrnehmen.

Ihre Schweizer Pendants hingegen führen ihre Anlagen vor allem nach Ausschlusskriterien. Das führt im Extremfall zum Ausschluss von ganzen Branchen aus Portfolios. Das Feld wird dann einfach anderen überlassen, was für die Erreichung von Nachhaltigkeitszielen – im Übrigen auch aus politischen Überlegungen – nicht förderlich ist. Und es schafft für diese Unternehmen auch geringere Anreize, langfristig zu denken, CSR in ihre Geschäftstätigkeit zu integrieren und somit ihren Beitrag an die soziale Wohlfahrt zu leisten.

Was können die Unternehmen daran ändern?

Unternehmen können versuchen, zu objektivieren und die für sie richtigen, strategisch relevanten Messgrössen zu finden. Dann braucht es ein gemeinsames Verständnis von Unternehmern und Anlegern, welche Kriterien im Einzelfall wichtig sind, wie sie gemessen werden und wie die Offenlegung erfolgen soll. Dann sind individuelle, aussagekräftige Analysen und ein kontinuierlicher Dialog wichtig.

Links:
SWIPRA berät Unternehmen und Investoren zu Governance-Fragen.
Medienartikel zur CSR-Umfrage bei Investoren und Unternehmen (Finanz und Wirtschaft, 6. März 2019).
6. SWIPRA-Studie zur Entwicklung der Corporate Governance in der Schweiz

Barbara Heller SWIPRA
Barbara A. Heller, Managing Partner und Präsidentin des Verwaltungsrats SWIPRA Services AG

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